Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr herzlich begrüße ich Sie zur Einweihung der Gedenkstätte für die deportierten und ermordeten Sinti und Roma hier am neu gestalteten Bischof-Stein-Platz im Zentrum von Trier.

Als Oberbürgermeister und Vertreter der Bürgerschaft unserer Stadt ist es mir eine große Ehre, gemeinsam mit Ihnen die feierliche Eröffnung unserer Gedenkstätte vornehmen zu dürfen. Ich bin sicher, dass dieses Ereignis eine nachhaltige Wirkung erzielen und dass es das öffentliche Bewusstsein verändern wird.

Denkmals für die Sinti und RomaEs ist eine unbestreitbare Tatsache: Zur Würde des Menschen gehören Stätten der Erinnerung, braucht man Orte der Sammlung. Sie helfen uns, grundlegende Aspekte des Menschseins zu vergegenwärtigen, die Frage nach Vergangenheit und Zukunft zu stellen und uns Rechenschaft abzulegen über den Stand unseres Gemeinwesens.

Wir haben uns versammelt, um an das zu erinnern, was der grauenhafte Völkermord der Nazizeit den Sinti und Roma angetan hat. Viel zu lange Zeit war dieses Verbrechen im öffentlichen Diskurs unserer Gesellschaft mehr oder weniger ausgeblendet.   

Über 500.000 Sinti und Roma wurden in ganz Europa von den Nazis verfolgt und ermordet, eine Zahl, die noch heute aufschreckt und betroffen macht. Wir betrachten es als unsere Pflicht, das Bewusstsein an diese Gräueltaten wachzuhalten, die begangene Schuld zu bekennen und da um Vergebung zu bitten, wo eine Wiedergutmachung nicht mehr zu leisten ist.

Auch aus der Stadt Trier wurden Sinti und Roma verschleppt und ermordet, auch hier hat es den Genozid der Naziherrschaft gegeben. Bereits am 20. Juni 1938 kam es zu ersten Deportationen in das KZ Sachsenhausen. Im Juni 1940 folgten weitere Verschleppungen in verschiedene Ghettos und Lager im Osten. Eine dritte Welle der Deportation setzte im Frühjahr 1943 ein. Wir kennen die Namen und Lebensschicksale von mindestens 12 Trierer Sinti und Roma, die nach Auschwitz-Birkenau verbracht und dort auf grausamste Weise ermordet wurden. Wir wissen, dass zu diesen Menschen auch Kinder und Jugendliche gehörten, deren fröhliche Stimmen in den Straßen der Stadt ein einziger brutaler Schlag der Nazis zum Verstummen gebracht hat.

Seien Sie versichert, dass die Namen dieser Opfer auf immer der Vergessenheit entrissen und in das Gedächtnis unserer Stadt eingegraben sein werden. Jeder einzelne von ihnen ist uns hier Repräsentant der bedrohten Menschheit, ja der bedrohten Menschlichkeit.   

Nur ganz wenigen der verschleppten Sinti und Roma ist nach oft jahrelanger Zwangsarbeit die Rückkehr in die alte Heimat gelungen.

Wenn heute Herr Christian Pfeil als einer der wenigen Überlebenden unter uns weilt und diese Feier durch seine Teilnahme und sein Wort ehrt, so ist dies ein ganz außergewöhnliches Ereignis. Aus einer alten Trierer Familie stammend, wurde Herr Pfeil im Januar 1944 im KZ Lublin geboren. Wie seine Geschwister lebte er später wieder in Trier. Wir möchten Ihnen, sehr geehrter Herr Pfeil, für diese Geste großer Menschlichkeit sehr herzlich danken und Ihnen unseren tief empfundenen Respekt hierfür zum Ausdruck bringen.  Ich weiß aus unseren Gesprächen bei Ihnen in der Eifel, lieber Herr Pfeil, wie schwer es Ihnen gefallen ist, wieder nach Trier zu kommen, nachdem rechtsradikale Kräfte zweimal Ihre Existenz vernichten wollten und Vertreter der Stadt Ihnen erklärt haben, es gebe keine Rechtsradikalen in Trier. Umso höher ist unsere Wertschätzung für Sie, der Sie trotz allem heute hierher gekommen sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, noch heute stehen wir voller Betroffenheit vor dem unfassbaren Unrecht, das den Sinti und Roma angetan wurde. Wir empfinden Scham und Trauer über die Geschehnisse, wir bekennen unsere Schuld, wir leisten Abbitte für die begangenen Verbrechen.

Ein Tag wie der heutige kann aber auch ein Zeichen der Ermutigung sein. Zeigt er doch, dass unsere Bürgerschaft „Stellung bezieht“ und dass sie ein lebendiges Bewusstsein vom Wert gemeinschaftlicher Verantwortung besitzt. In großer Einmütigkeit und Geschlossenheit hat die Stadt Trier das Projekt einer Gedenkstätte für die Sinti und Roma aufgegriffen und gefördert. Sie hat damit ein Signal gesetzt, das deutlich macht, wie unsere Bürgerschaft heute rechtsradikalem Gedankengut gegenübersteht.  Wie jede andere Minderheit, so sind uns auch Sinti und Roma herzlich willkommen. Wir empfinden die Begegnung mit ihnen als eine Bereicherung für unser Gemeinwesen und wir freuen uns über reiche Kultur, die sie uns schenken, über Musik, Literatur und Malerei oder einfach über das Gespräch von Mensch zu Mensch. Wir wissen aber auch: Geschichte kann niemals rückwärts, sie kann immer nur nach vorne korrigiert werden. Hierzu sind eine stete Wachsamkeit und ein permanentes Bemühen vonnöten. Ich sage dies nicht ohne Sorge und vor dem Hintergrund einer immer wieder neu aufflackernden rechtsradikalen Agitation. Da scheint es mir passend, dass die Gedenkstätte mit ihrer hochmodernen Medientechnik sich gerade auch an die junge Generation wendet. Die Botschaft, um die es hier geht, ist nicht für die Geschichtsbücher geschrieben, sie richtet sich ganz wesentlich an unsere eigene Gegenwart und Zukunft. Ich freue mich daher ganz besonders über die heutige Anwesenheit von Schüler/-innen und Lehrer/-innen des Auguste-Viktoria-Gymnasiums, die zur Zeit ein Projekt „Sinti und Roma in Trier – damals und heute“ durchführen.

Lassen Sie mich betonen, dass unsere Gedenkstätte die Frucht einer gemeinschaftlichen Initiative bildet, an deren Zustandekommen eine Vielzahl unterschiedlicher Personen und Institutionen beteiligt war. Mein Dank für ideelle und finanzielle Unterstützung gilt zunächst den Trierer Bürgerinnen und Bürgern, denen diese Gedenkstätte ein lang gehegtes Anliegen war und die mit ihren Spenden geholfen haben, die Stätte zu realisieren.. Ich danke ferner der Stadt Trier mit den Ortsbeiräten Trier Mitte- und Trier-Nord, dem Bistum Trier, der Kulturstiftung der Trierer Sparkasse sowie der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur für hochherziges Engagement.  

Ein besonderer Dank richtet sich an den rheinland-pfälzischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma als dem eigentlichen Impulsgeber für die Gedenkstätte. Ihm ist es zu danken, dass im Jahre 1998 die ersten Anstöße zur Errichtung der Gedenkstätte erfolgt sind. Dem Vorsitzenden des Verbandes, Herrn Jacques Delfeld, danke ich sehr herzlich für die vertrauensvolle Zusammenarbeit in den langen Jahren der Planung und Realisierung des Projekts.

Große Unterstützung hat das Vorhaben durch das Domkapitel der Hohen Domkirche Trier erfahren, in deren schützendem Schatten die Gedenkstätte steht. Hierfür sowie für den im Anschluss stattfindenden Empfang sei Herrn Dompropst Werner Rössel sehr herzlich gedankt.

Ein aufrichtiges Wort des Dankes geht an den verantwortlichen Künstler für den Entwurf, Herrn Professor Clas Steinmann. Lieber Clas Steinmann, Sie haben durch Ihre künstlerische Arbeit das Bild der Stadt Trier um ein wichtiges Element reicher gemacht. Sie haben mit dieser Gedenkstätte einen Ort der Zuflucht geschaffen, der mitten im Herzen der Stadt liegt und der in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr übersehen werden kann. Dass dieser Ort an einer direkten Achse auf das ehemalige Judenviertel gegenüber dem Hauptmarkt hin liegt, werden Einheimische und Touristen rasch bemerken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lassen Sie mich meine Ansprache beenden mit einem Hinweis darauf, dass die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier bis zum 25. September im Kurfürstlichen Palais eine begleitende Ausstellung zeigt zum Thema „10 Jahre Dokumentationszentrum Sinti und Roma“. Das Zentrum wurde 1997 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog in Heidelberg eröffnet. Es verfolgt die Aufgabe, die mehr als 600jährige Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland und Europa zu dokumentieren und dabei den Schwerpunkt auf den NS-Völkermord zu legen. Mein Dank gilt der Präsidentin der ADD, Frau Dagmar Bartzen, für die aufmerksame und feinfühlige Begleitung unserer eigenen Veranstaltung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Aufmerksamkeit. Dass Sie so zahlreich erschienen sind, ist ein wertvolles Zeichen dafür, dass Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit in dieser Stadt keinen Platz haben. Trier ist eine internationale Stadt, eine Stadt der Toleranz und der Menschlichkeit. Und überall dort, wo gegen diesen Geist verstoßen wird, werden wir uns auflehnen, Widerstand leisten und unsere Werte bewahren. Ich danke Ihnen und übergebe das Wort an den Ministerpräsidenten des Landes Rheinland-Pfalz, Herrn Kurt Beck.